Mehr als eine Minute lang geschah nichts. Keine Begrüßung, keine Musik, kein Bild. Naturfotograf Philipp Egger und Brigitta Villaronga saßen schweigend auf der Bühne des voll besetzten Stadttheaters Meran.
Mit dieser bewussten Stille begann die „Nacht der Naturbilder“ im Rahmen des Festivals der Stille. Was folgte, war kein klassischer Fotovortrag, sondern eine rund 75-minütige Sinnesreise aus Fotografie, Film, persönlichen Erzählungen, Dunkelheit und Klang.
Der international ausgezeichnete Südtiroler Naturfotograf führte das Publikum dabei hinter die sichtbare Oberfläche seiner Arbeiten. Nicht die Kamera oder technische Daten standen im Mittelpunkt, sondern das, was einem Bild vorausgeht: jahrelanges Warten, freiwilliges Alleinsein, Rückschläge, Naturgewalten und die Beziehung zwischen Mensch und Wildtier.
Besonders eindrücklich war die Geschichte hinter „Im Auge des Sturms“. Egger erzählte von einem Steinbock, den er über Jahre immer wieder beobachtet hatte und zu dem sich eine besondere Vertrautheit entwickelte. Während eines schweren Hochgebirgsgewitters musste sich der Fotograf schließlich in eine kleine Felsnische retten, während Blitze unmittelbar neben ihm einschlugen. Im Stadttheater wurde diese Erfahrung für einen kurzen Moment selbst spürbar: Der Saal versank in völliger Dunkelheit, Wind, Regen und Donner erfüllten den Raum. Erst danach erschien langsam die Silhouette des Steinbocks auf der Leinwand.
Die Geschichte führte weiter zu Krankheit und Tod des Tieres und zu einer Erkenntnis, die zum Leitgedanken des Abends wurde: „Ich war vollkommen still. Und trotzdem war ich noch zu laut.“
Egger hatte festgestellt, dass selbst seine lautlose Anwesenheit Einfluss auf das Verhalten anderer Wildtiere nahm. Er entwickelte daraufhin ein automatisiertes Kamerasystem und zog sich selbst zurück. Für ihn wurde daraus eine zentrale Erfahrung seiner Arbeit: Nicht immer führt größere Nähe zum stärkeren Bild. Manchmal muss der Fotograf selbst verschwinden.
Zwischen Naturbeobachtung und Kunst
Auch die persönliche Seite seiner Kunst bekam Raum. Das Werk „Im Tanz der Farben“, international mit Gold ausgezeichnet, entstand als Hommage an seine Mutter. Von seinem Vater, so Egger, habe er das Lesen von Spuren und die Geduld gelernt, von seiner Mutter den künstlerischen Blick.Mit der Multivisionsshow „Gebirge aus Glut“ und dem Kurzfilm „Schattenjäger“, dessen Uhu-Fotografie 2025 beim Wildlife Photographer of the Year, verliehen vom Natural History Museum in London, die Kategorie „Animal Portraits“ gewann, spannte sich der Bogen schließlich von elementarer Naturgewalt bis zur völligen Zurücknahme des Fotografen. Das Natural History Museum in London beschreibt Egger als Fotografen und Wildlife-Kameramann, dessen Arbeiten aus monatelanger, häufig jahrelanger Geduld entstehen.
Für Egger sind diese internationalen Auszeichnungen dennoch nicht der eigentliche Endpunkt seiner Arbeit. Er versteht Naturfotografie als Möglichkeit, Menschen wieder näher an eine Welt heranzuführen, von der sie selbst ein Teil sind.
„Ich möchte mit meinen Bildern der Natur eine Stimme geben. Nicht, indem ich für sie spreche, sondern indem ich Menschen spüren lasse, was dort draußen geschieht. Wenn ein Bild dazu führt, dass jemand genauer hinsieht, länger zuhört oder die eigene Beziehung zur Natur hinterfragt, dann kann Fotografie weit mehr sein als nur ein schönes Bild“, sagt Egger.
Aus Verbundenheit wurde Hilfe
Am Ende des Abends führte Egger den Gedanken der Verbundenheit über die Kunst hinaus.Wenige Tage zuvor hatte eine schwere Flutkatastrophe Nepal getroffen. Egger rief das Publikum deshalb zu freiwilligen Spenden für die Hilfsaktion „Emergenza Nepal“ der Südtiroler Casa Costa Foundation ETS auf. 1.712,92 Euro kamen noch im Rahmen des Abends zusammen.
„Mich hat nicht nur berührt, wie still dieser volle Saal werden konnte“, sagt Philipp Egger. „Mich hat vor allem berührt, was danach passiert ist. Wir hatten zuvor über Verbundenheit gesprochen und darüber, dass wir nicht außerhalb der Natur stehen, sondern ein Teil von ihr sind. Dass Menschen dieses Gefühl am Ende in konkrete Hilfe verwandelt haben, bedeutet mir unglaublich viel. Für mich sind diese 1.712,92 Euro deshalb weit mehr als eine Zahl.“
Die Gelder sind für die Nepal-Hilfe der Casa Costa Foundation bestimmt. Die Stiftung meldete am 2. September 13.651 Euro an bisher eingegangenen Spenden und betont, dass die gesammelten Mittel vollständig den von der Flut betroffenen Menschen zugutekommen. Die Hilfen werden über die Associazione Giuliano De Marchi per il Nepal und Partnerorganisationen vor Ort umgesetzt.
Erste Maßnahmen bereits beschlossen
Erste konkrete Maßnahmen wurden bereits beschlossen: 4.000 Euro dienen unter anderem der Versorgung von rund 400 Menschen, die nach der Flucht aus dem Katastrophengebiet in Kathmandu Zuflucht gefunden haben. Weitere 8.000 Euro unterstützen Versorgungspakete für rund 100 besonders stark betroffene Familien in Timure, Syafrubesi und Thulo Syafru. Vorgesehen sind unter anderem Lebensmittel, Hygiene- und Wasseraufbereitungsmaterial sowie Decken.Parallel bereiten die Partner bereits die nächste Phase der Hilfe vor. Dabei geht es unter anderem um den Schutz von Frauen und Minderjährigen, psychosoziale Unterstützung, die Fortführung von Schulbildung und die Unterstützung lokaler Gesundheits- und Gemeinschaftsstrukturen. Die genaue Mittelverteilung soll anhand des tatsächlichen Bedarfs vor Ort erfolgen.
So endete ein Abend, der mit Stille begonnen hatte, nicht mit einer Auszeichnung oder einem letzten spektakulären Bild. Er endete mit konkreter Hilfe.
Für Philipp Egger schließt sich darin ein Kreis: Kunst kann Natur sichtbar machen. Sie kann Menschen berühren. Und wenn aus dieser Berührung Verbundenheit und schließlich Verantwortung entsteht, reicht ihre Wirkung weit über die Leinwand hinaus.
Wer die Nepal-Hilfe weiterhin unterstützen möchte, kann direkt an die Casa Costa Foundation ETS, IBAN IT 46 I 08010 58340 000300020001, Verwendungszweck „Emergenza Nepal“, spenden.


