Sonntag, 2. August 2026

Der schöne Schein

„Während viele Menschen jeden Euro zweimal umdrehen, dürfen sie am Bildschirm über Vögel, Flüsse und europäische Kulturgrößen urteilen.“ Ein Kommentar.

Rainer Hilpold: „Es ist ein Phänomen unserer Zeit: Wo die Realität an Glanz verliert, wird der schöne Schein poliert.“ - Foto: © Sebastian Stocker

Von:
Rainer Hilpold
Es ist ein Phänomen unserer Zeit: Wo die Realität an Glanz verliert, wird der schöne Schein poliert – nicht nur in den sozialen Netzwerken. Die Europäische Zentralbank hat den Zeitgeist offenbar verstanden. Sie wendet sich mit einer drängenden Zukunftsfrage an Europas Bürger: Welche Motive sollen künftig unsere Geldscheine zieren? Beethoven auf dem Zehner, ein Storch auf dem Fünfziger – oder doch lieber ein Mauerläufer auf dem Fünfer?

Natürlich gibt es gute Gründe, Banknoten nach mehr als zwei Jahrzehnten neu zu gestalten. Sie sollen sicherer, haltbarer und leichter erkennbar werden. Der Designwechsel ist also keineswegs bloße Spielerei. Eine gewisse unfreiwillige Komik lässt sich der Online-Befragung dennoch nicht absprechen. Während viele Menschen jeden Euro zweimal umdrehen, dürfen sie am Bildschirm über Vögel, Flüsse und europäische Kulturgrößen urteilen.

Der Betrag auf dem Konto ist derselbe geblieben. Nur das, was man dafür bekommt, ist wesentlich weniger geworden.
Rainer Hilpold


Denn: Wer im Juni 2020 10.000 Euro auf der hohen Kante hatte, dessen Geld hat heute in Südtirol nur noch die Kaufkraft von knapp 8.000 Euro. Der Betrag auf dem Konto ist derselbe geblieben. Nur das, was man dafür bekommt, ist wesentlich weniger geworden. Die Teuerung liegt zugleich weiterhin deutlich über dem EZB-Ziel.

Gerade deshalb wirkt die Debatte über die neuen Scheine reichlich deplatziert. Das eigentliche Versprechen einer Notenbank lautet schließlich Preisstabilität. Wichtig ist nicht, was auf dem Schein zu sehen ist, sondern was man dafür bekommt. Da passt der Mauerläufer auf dem Fünfer fast zu gut: als eleganter Hinweis darauf, wie rasch sich Kaufkraft verflüchtigen kann.

Ob unser Geld mit den neuen Scheinen am Ende mehr wert sein wird? Natürlich nicht. Aber wie beim perfekt inszenierten Cappuccino auf Instagram, der längst kalt ist, wenn das perfekte Bild endlich online ist, gilt auch für unser Geld: Noch nie war die Entwertung so schön anzusehen.

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