Samstag, 13. Juni 2026

Kluge Köpfe gesucht – Lebensgefühl unerwünscht!

„Eine Heimat, die ihren jungen Köpfen keinen Platz zum Atmen, Feiern und Ausbrechen lässt, verliert sie am Ende ganz.“ Ein Kommentar von Evi Seebacher.

Evi Seebacher: „Wir wollen ihre Köpfe, ihre Steuern und ihre Innovationskraft. Was wir aber offensichtlich nicht wollen, ist ihr Lebensgefühl.“ - Foto: © Niccolo' Dametto

Vorausgeschickt sei, dass Südtirol seine Jugend liebt – solange sie brav in der Musikkapelle mitspielt oder im Sport Höchstleistungen erbringt und pünktlich um zehn ins Bett geht.

Wir überbieten uns derzeit gegenseitig, um junge Akademiker und Fachkräfte nach dem Studium aus dem Ausland zurück in die Heimat zu locken. Wir wollen ihre Köpfe, ihre Steuern und ihre Innovationskraft. Was wir aber offensichtlich nicht wollen, ist ihr Lebensgefühl. Denn die bittere Realität lautet: Nach 22 Uhr herrscht in den meisten Südtiroler Gemeinden eine bleierne „Tote-Hose“-Mentalität.

Sobald irgendwo Bässe dröhnen oder laut gelacht wird, formiert sich der Widerstand.
Evi Seebacher


Wer eine lebendige Clubszene, alternative Kulturräume oder einfach nur bezahlbare, unkomplizierte Treffpunkte für junge Menschen sucht, stößt auf bürokratische Hürden und dörfliche Bequemlichkeit. Südtirol altert rasant – und mit dem Alter kommt der unerbittliche Wunsch nach absoluter Nachtruhe. Sobald irgendwo Bässe dröhnen oder laut gelacht wird, formiert sich der Widerstand. Konservative Anwohner drohen sofort mit der Lärmschutzklage und die Gemeindepolitik knickt meist bereitwillig ein, um die treueste Wählerschaft nicht zu vergraulen.

Anstatt Räume für die nächste Generation kreativ zu öffnen und zu schützen, wird die Jugendkultur im Land systematisch erstickt. Man kann eine Gesellschaft nicht wie ein Freilichtmuseum für Ruhesuchende verwalten und sich gleichzeitig als zukunftsfähiger Wirtschaftsstandort inszenieren. Eine Heimat, die ihren jungen Köpfen keinen Platz zum Atmen, Feiern und Ausbrechen lässt, verliert sie am Ende ganz.

Wenn wir den Jugendlichen weiterhin signalisieren, dass sie hier nur als produktive Arbeitsdrohnen erwünscht sind, die abends bitte unsichtbar bleiben, müssen wir uns über die Flucht der klugen Köpfe nicht wundern. Junge Menschen entscheiden sich heute nicht allein aufgrund eines Arbeitsplatzes für einen Wohnort.

Eine moderne Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass unterschiedliche Lebensentwürfe nebeneinander Platz haben.
Evi Seebacher


Sie suchen Lebensqualität, Vielfalt, Begegnungsmöglichkeiten und ein gesellschaftliches Umfeld, das mehr bietet als Arbeit und Schlaf. Wer glaubt, man könne hochqualifizierte Rückkehrer dauerhaft mit schönen Bergpanoramen und einer sicheren Anstellung halten, unterschätzt die Erwartungen einer Generation, die internationale Erfahrungen gesammelt hat und weiß, wie lebendige Städte und Regionen funktionieren.

Dabei geht es nicht nur um Nachtleben. Es geht um Freiräume. Um Orte, an denen neue Ideen entstehen können. Um Kulturzentren, Musikclubs, Ateliers, Proberäume, Jugendtreffs und Veranstaltungen, die nicht nach dem Geschmack einer älteren Mehrheit gefiltert werden. Eine moderne Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass unterschiedliche Lebensentwürfe nebeneinander Platz haben.

Zukunft entsteht dort, wo Menschen gerne leben – nicht dort, wo sie lediglich arbeiten dürfen. Die eigentliche Herausforderung besteht deshalb nicht darin, junge Menschen zurückzuholen, sondern ihnen Gründe zu geben, zu bleiben.

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stol

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