Sonntag, 26. Juli 2026

Soziale Medien: Ein Verbot für Jugendliche wäre eine faule Lösung

„Es ist aburd, dass ausgerechnet die Generation, die künftig die digitale Transformation steuern soll, erst systematisch ausgesperrt wird, um danach völlig unvorbereitet im digitalen Sumpf zu landen.“ Ein Kommentar von „Dolomiten“-Redakteur Josef Bertignoll.

Josef Bertignoll: „Social Media ist längst Teil des Alltags und auch der Arbeitswelt und Basis für Kommunikation und Information.“

Australien und nun auch Frankreich machen es vor, Italien, Österreich und die EU denken darüber nach: Ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren, um sie vor Sucht, Fake News und verstörenden Inhalten zu schützen. Gesellschaftlich ist der Ruf nach Schutz laut, politisch lässt sich das Vorhaben bestens verkaufen, aber praktisch ist ein solches Verbot eine scheinbare und zugleich faule Lösung.

Scheinbar deshalb, weil das wahre Problem bestehen bleibt: süchtig machende Algorithmen, die Kinder – und ehrlicherweise auch Erwachsene – stundenlang an den Bildschirm fesseln, gezielt gestreute Desinformation, die unkontrolliert durch Feeds rauscht, Hassreden und Gewaltvideos, die massenhaft geteilt werden.

Das ist, als würde ein Schwimmlehrer Kindern jahrelang das Baden verbieten, nur um sie am 16. Geburtstag im offenen Meer ins kalte Wasser zu werfen.
Josef Bertignoll


Kurz gesagt: Die toxische Architektur und Funktion von Instagram, TikTok und Co., welche die Verweildauer und damit den Profit maximieren will, ist das Problem. Und das verschwindet nicht mit einer Altersgrenze, sondern wird höchstens bis zum nächsten Geburtstag vertagt. Abgesehen davon lässt jedes Verbot Hintertürchen offen, wodurch digital affine Jugendliche kinderleicht durchschlüpfen. Dies zeigt auch Vorreiter Australien. Laut einer Befragung (British Medical Journal) der Jugendlichen unter 16 Jahren nutzen weiterhin mehr als 85 Prozent soziale Medien.

Und faul ist diese Maßnahme, weil die Politik damit ihre eigentliche Aufgabe vernachlässigt: Jugendliche fit für die digitale Welt zu machen. Denn Social Media ist längst Teil des Alltags und auch der Arbeitswelt und Basis für Kommunikation und Information. Umso absurder ist es, dass ausgerechnet die Generation, die künftig die digitale Transformation steuern soll, erst systematisch ausgesperrt wird, um danach völlig unvorbereitet im digitalen Sumpf zu landen.

Die Risiken von Social Media sind real und lassen sich nicht wegdiskutieren. Gerade deshalb braucht es wirksame Antworten, keine einfachen.
Josef Bertignoll


Das ist, als würde ein Schwimmlehrer Kindern jahrelang das Baden verbieten, nur um sie am 16. Geburtstag im offenen Meer ins kalte Wasser zu werfen. Das verhindert nicht das Ertrinken, sondern verschiebt es auf später. Nicht ohne Grund sprechen sich auch das Deutsche Kinderhilfswerk und zahlreiche Verbraucherverbände gegen ein pauschales Verbot aus.

Die Risiken von Social Media sind real und lassen sich nicht wegdiskutieren. Gerade deshalb braucht es wirksame Antworten, keine einfachen. Dazu gehört der Mut zur echten Regulierung der Big-Tech-Giganten. Algorithmen gehören auf den Prüfstand, Suchtmechanismen verboten und Konzerne für ihren Müll haftbar gemacht. Auch wenn man dafür den Zorn aus dem Weißen Haus oder aus Peking riskieren muss.

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stol

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