Sonntag, 16. August 2026

Südtirol: Essstörungen nehmen zu – Betroffene werden immer jünger

2025 wurden in Südtirol 693 Menschen wegen einer Essstörung behandelt – sechs Prozent mehr als im Vorjahr. Besonders stark stieg die Zahl der Neuerkrankungen. 28 Prozent der Betroffenen sind minderjährig. Gleichzeitig würden die Erkrankten immer jünger und die Krankheitsbilder vielfältiger.

Der tägliche Blick auf die Waage erfüllt viele Personen mit Essstörungen mit Angst. - Foto: © Shutterstock / shutterstock

Von:
Arnold Sorg
Essstörungen nehmen in Südtirol weiter zu. 2025 seien insgesamt 693 Patienten wegen einer Essstörung behandelt worden, berichtet Psychiater Roger Pycha, Koordinator des Netzwerks für Essstörungen Südtirol (EATNET). Das entspreche einem Anstieg von sechs Prozent gegenüber 2024. Die Zahl der Neuerkrankungen habe sogar um 17 Prozent zugenommen.

Auch die jüngsten gesamtstaatlichen Daten würden eine deutliche Entwicklung zeigen: In Italien hätten Essstörungen in den vergangenen Jahren um 30 Prozent zugenommen. 2024 seien drei Millionen Patienten behandelt worden, davon 678.034 erstmals Erkrankte.

In Südtirol seien 92 Prozent der Betroffenen meist sehr junge bis junge Frauen, acht Prozent Männer. 28 Prozent der behandelten Menschen seien minderjährig. Bei ihnen sei die Rate der Neuerkrankungen um 21 Prozent gestiegen.

Magersucht besonders häufig

Die größte und zugleich gefährdetste Patientengruppe seien Menschen mit Magersucht beziehungsweise Anorexia nervosa. Sie hätten 2025 in Südtirol 235 Personen und damit 34 Prozent aller Behandelten ausgemacht.

Die Zahlen würden laut Pycha drei Entwicklungen deutlich machen: Essstörungen nähmen zu, wobei die Entwicklung durch die Pandemie noch beschleunigt worden sei. Gleichzeitig würden Betroffene früher und schwerer erkranken als bisher.

Auch die Krankheitsbilder selbst seien im Wandel. In 60 Prozent der Fälle würden Essstörungen gemeinsam mit anderen psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder Persönlichkeitsstörungen auftreten. Die Erkrankungen könnten bereits im Alter von neun Jahren beginnen. In 30 Prozent der Fälle beginne die Essstörung vor dem 14. Lebensjahr.

Hinzu komme die restriktive Essstörung als weiteres Krankheitsbild neben Magersucht, Bulimie und Esssucht (Binge-Eating). Dabei handle es sich um eine eingeschränkte Nahrungsaufnahme mit Abmagerung oder einem Mangel an Nährstoffen, ohne dass das Körpererleben gestört sein müsse.

Betroffene würden sich im Gegensatz zu Menschen mit Magersucht nicht zu dick fühlen, obwohl sie längst deutlich zu dünn seien. Sie würden ihren Gewichtsverlust sogar besorgt wahrnehmen, aber weiterhin bestimmte Speisen vermeiden – etwa aufgrund von Ängsten.

Suizidrisiko sechsmal höher

Besonders ernst sei die gesundheitliche Gefährdung. Das Suizidrisiko von Menschen mit Essstörungen liege sechsmal höher als im Durchschnitt der Bevölkerung. Besonders stark steige es, wenn Anorektikerinnen deutlich an Gewicht zunähmen.

2025 seien in Italien 4158 Menschen an Essstörungen verstorben. Südtirol habe dabei eine sehr niedrige Sterberate, erläuterte die Expertin Laura Dalla Ragione im Frühjahr bei einer Tagung in Bozen. Dies sei auch darauf zurückzuführen, dass sich das Netzwerk EATNET außerordentlich um die Erkrankten kümmere.

Südtirol stelle rund ein Prozent der italienischen Bevölkerung. Im selben Jahr habe es hier lediglich zwei Todesfälle wegen Essstörungen gegeben. Das entspreche weniger als einem halben Promille der nationalen Opferzahl. Gleichzeitig seien die Erkrankten deutlich mehr geworden, die Zahl der Helfer bisher aber kaum.

Patienten können leicht aus dem Blick geraten

EATNET solle deshalb leicht erreichbar sein, verschiedene Fachgebiete miteinander verbinden und unterschiedliche Betreuungsstufen anbieten – von Sensibilisierung und Prävention bis hin zur Aufnahme auf einer Intensivstation.

Entscheidend sei dabei eine enge und verlässliche Zusammenarbeit. Besonders leicht verliere man Patienten aus den Augen, wenn sie von einer Betreuungsform in eine andere wechseln müssten, betont Pycha.

Das habe auch damit zu tun, dass Betroffene häufig nur zwiespältig motiviert seien, sich helfen zu lassen, und therapeutische Vereinbarungen vergleichsweise leicht abbrechen würden. Von einer hoch spezialisierten Einrichtung würden sich etwa zehn Prozent der Patientinnen selbst entlassen. Bei ambulanten Behandlungen komme es noch deutlich häufiger zu einem Abbruch.

Eine Rolle spielten dabei auch Veränderungen im Leben der Betroffenen – etwa Schulabschluss und Studienbeginn. Auch familiäre Spannungen, Wohnungswechsel oder das Ende einer Partnerschaft könnten die Motivation für eine Behandlung verringern.

Besonders kritischer Moment in der Ersten Hilfe

Besonders kritisch sei die Vorstellung in der Ersten Hilfe wegen zu niedrigen Gewichts, Schwächezuständen, eines Mangels an Zucker und Salzen oder Herzrhythmusstörungen.

In Italien würden nur 15 Prozent der Patienten, die mit solchen akuten Problemen in die Erste Hilfe kämen, anschließend tatsächlich im Krankenhaus aufgenommen.

Das Gesundheitsministerium schreibe deshalb seit 2018 vor, dass Patienten mit einem Body-Mass-Index von weniger als 12 unbedingt im Krankenhaus bleiben müssten. Bei ihnen bestehe eine potenziell lebensgefährliche Auszehrung.

Neuer Betreuungspfad für Südtirol

In Südtirol werde derzeit ein Betreuungspfad erarbeitet, der festlegen solle, welche Abteilung gefährdete Patientinnen und Patienten jeweils im Krankenhaus aufnehmen und behandeln soll.

Bei Minderjährigen finde der Großteil der Behandlungen an der Pädiatrie Brixen statt. Sie stelle das landesweite Exzellenzzentrum dar und sollte erweitert werden.

Ein Exzellenzzentrum für Erwachsene sei an der Psychiatrie Brixen geplant. Bis zu dessen Eröffnung müssten sich die Abteilungen Subintensiv, Innere Medizin und Psychiatrie in abgestimmter Weise die Betreuung der atienten teilen.

Für Pycha zeigt die Entwicklung vor allem eines: Die Zahl der Menschen mit Essstörungen steige, während das Versorgungssystem gleichzeitig vor der Herausforderung stehe, immer jüngere und schwerer erkrankte Betroffene langfristig zu erreichen und zu begleiten.

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