Das Südtiroler Therapiezentrum HANDS KDS schlägt Alarm: Die Formen von Suchterkrankungen verändern sich, neue Substanzen gewinnen an Bedeutung, und vor allem Kokain wird gesellschaftlich zunehmend akzeptiert.
Jährlich begleitet HANDS rund 1.400 Menschen ambulant sowie weitere 250 Personen in Rehabilitationsangeboten und Projekten im Sozialraum. Während Alkohol und Glücksspiel im ambulanten Bereich weiterhin die häufigsten Problematiken darstellen, gewinnen Kokain, Psychopharmaka, Gaming und Mischkonsum zunehmend an Bedeutung.
„Kokain wird von vielen Menschen inzwischen ähnlich wahrgenommen wie Cannabis vor zwanzig Jahren. Für manche gehört es zu Partys, für andere zum Arbeitsalltag oder zur Bewältigung von Stress. Die Hemmschwelle sinkt“, beobachtet Bruno Marcato, Direktor von HANDS KDS.
Psychopharmaka leicht verfügbar
Besonders besorgniserregend ist laut Marcato die Entwicklung bei Medikamenten. Beruhigungs- und Schlafmittel würden von vielen Jugendlichen als harmlos angesehen, weil sie in zahlreichen Haushalten vorhanden seien. Zusätzlich erleichterten Onlinehandel und soziale Netzwerke den Zugang.Gleichzeitig gehört Mischkonsum für viele Betroffene mittlerweile zum Alltag. Im ambulanten Bereich von HANDS weist etwa die Hälfte der begleiteten Menschen mehrere Abhängigkeiten gleichzeitig auf. In den Rehabilitationsangeboten liegt dieser Anteil sogar bei rund 90 Prozent.
Erste Erfahrungen oft mit zwölf oder dreizehn Jahren
Trotz zunehmender Inanspruchnahme von Hilfsangeboten bleibt das Alter des Erstkonsums seit Jahren nahezu unverändert. Viele Jugendliche machen ihre ersten Erfahrungen mit Suchtmitteln bereits im Alter von zwölf oder dreizehn Jahren.„Der frühe Zugang zu den Hilfsangeboten ermöglicht präventive und teilweise lebensrettende Interventionen. Gleichzeitig sehen wir dadurch sehr früh, welche neuen Substanzen im Umlauf sind und welche Entwicklungen sich abzeichnen“, erklärt Marcato.
Aktuelle Studien zeigen einen Anstieg beim Konsum von Kokain, Ketamin, MDMA und neuen psychoaktiven Substanzen. Heroin verliert dagegen leicht an Bedeutung.
Sucht und psychische Belastungen gehen oft Hand in Hand
Nach Einschätzung von Marcato greift die Diskussion über einzelne Substanzen jedoch zu kurz. Entscheidend sei, wie junge Menschen mit Belastungen umgehen können.„Jugendliche stehen heute unter einem enormen Druck. Schule, Arbeit, soziale Medien und gesellschaftliche Erwartungen erzeugen eine permanente Anspannung. Gleichzeitig erleben viele junge Menschen Unsicherheit, Einsamkeit oder belastende Erfahrungen im familiären Umfeld“, sagt er.
HANDS beobachtet deshalb immer häufiger Mehrfachproblematiken. Sucht, Depressionen, Angststörungen und andere psychische Belastungen treten oft gemeinsam auf. „Der Mensch ist immer mehr als seine Diagnose. Wir können Abhängigkeitserkrankungen und psychische Belastungen nicht getrennt voneinander betrachten. Wer helfen will, muss den Menschen als Ganzes sehen“, betont Marcato.
Wenn Konsum Teil des Familienalltags wird
Wie komplex solche Situationen sein können, zeigt ein Fall aus der Praxis von HANDS. Eine junge Frau wuchs in einem Umfeld auf, in dem Kokain, Cannabis, Medikamente und Ketamin zum Alltag gehörten. Obwohl die Familie sich selbst als harmonisch beschrieb, fehlten klare Grenzen zwischen Eltern und Kindern, und der Konsum war Teil des gemeinsamen Lebensstils.Die junge Frau musste sich nicht nur mit ihrer eigenen Abhängigkeit auseinandersetzen, sondern auch mit den Verhaltensmustern ihres gesamten Umfelds. Nach mehreren lebensbedrohlichen Krisen und einem Koma infolge von Ketaminmissbrauch gelang es ihr Schritt für Schritt, neue Perspektiven zu entwickeln. Heute lebt sie selbstständig und ohne problematischen Konsum.
Individuelle Begleitung statt Standardprogramme
Um den unterschiedlichen Bedürfnissen junger Menschen gerecht zu werden, setzt HANDS zunehmend auf individuelle Begleitwege. Psychotherapeutische Angebote, sozialpädagogische Unterstützung, medikamentöse Behandlung und erlebnisorientierte Aktivitäten werden je nach Situation kombiniert.Dazu gehören unter anderem Aufenthalte in den Bergen, Aktivitäten mit Tieren, Kletterangebote und Projekte in Kleingruppen. Ziel ist es, neue Erfahrungen zu ermöglichen, Beziehungen zu stärken und den Blick auf eigene Fähigkeiten und Zukunftsperspektiven zu richten.
„Es reicht nicht, Jugendlichen zu sagen, was sie nicht tun sollen. Sie müssen erleben können, was ihnen Kraft gibt und woran sie Freude haben. Veränderung beginnt häufig dort, wo neue Erfahrungen möglich werden“, sagt Marcato.
Appell an Eltern und Lehrpersonen
Zum Internationalen Tag gegen Drogenmissbrauch richtet Marcato einen Appell an Eltern, Lehrpersonen und andere Bezugspersonen. Probleme würden oft zu spät erkannt, weil erste Warnsignale unterschätzt oder als normale Jugendphase abgetan würden.„Entscheidend ist immer, das Verhalten eines jungen Menschen im Zusammenhang mit seiner gesamten Lebenssituation zu betrachten“, betont er.
Seine Botschaft an Jugendliche lautet: „Menschen sterben auch heute noch an den Folgen von Sucht. Gleichzeitig gibt es immer die Möglichkeit, dem eigenen Leben eine neue Richtung zu geben. Freiheit bedeutet nicht, alles tun zu können. Freiheit bedeutet, wählen zu können, Verantwortung zu übernehmen und die eigene Zukunft aktiv zu gestalten.“


