Der Brexit war für alle Beteiligten Neuland: Großbritannien war der erste Staat, der die EU und damit die vier Grundfreiheiten des europäischen Binnenmarkts – freier Güter-, Dienstleistungs-, Kapital- und Personenverkehr – sowie die Zollunion ernsthaft verlassen wollte. Die ersten wirtschaftlichen Folgen der Entscheidung machten sich schon kurz nach dem Referendum am 23. Juni 2016 bemerkbar. Richard Grieveson vom Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) sprach im APA-Interview von „definitiv negativen Auswirkungen“.
Wirtschaftswunder oder Totalzusammenbruch
Nichtsdestotrotz propagierten Brexit-Befürworter zahlreiche ökonomische Vorteile, die Großbritannien durch den EU-Austritt angeblich erwarten würde. Der Abbau von EU-Regularien und die Rückgewinnung nationaler Entscheidungsfreiheit sollten, so ihre Argumentation, ein stärkeres Wirtschaftswachstum ermöglichen. Auch Handelsabkommen mit Ländern außerhalb der EU könnten schneller und vorteilhafter ausgehandelt werden. Für britische Arbeitnehmer versprachen die Befürworter mehr Arbeitsplätze und höhere Löhne.Brexit-Gegner warnten hingegen teilweise vor einem „plötzlichen Zusammenbruch“ der britischen Wirtschaft. Sie gingen von einem schwächeren Wirtschaftswachstum, Handelshemmnissen und geringeren Investitionen aus. Eine restriktive Einwanderungspolitik für EU-Bürgerinnen und -Bürger würde zudem zu einem erheblichen Arbeitskräftemangel führen, erklärten Kritiker. Auch könnten Unsicherheiten und Handelshemmnisse das britische Pfund belasten.
„Viele haben aufgegeben“
Es kam weder zum Wirtschaftswunder, noch zum Totalzusammenbruch. Doch bereits kurz nach dem Referendum führte die Abwanderung vieler EU-Bürgerinnen und -Bürger – vor allem polnischer Staatsangehöriger – zu einem akuten Arbeitskräftemangel auf der Insel, wie Grieveson darlegt. Auch ausländische Investoren zogen sich dem Ökonomen zufolge zurück, Großbritannien verlor mit dem Zugang zum EU-Markt eine gewisse „Stabilität“. In Summe kostete der Brexit dem Land laut Studien bisher vier bis acht Prozent seines Bruttoinlandsprodukts (BIP).Großbritannien war Ende Jänner 2020 aus der Europäischen Union ausgetreten und ist seit 2021 auch nicht mehr Mitglied der EU-Zollunion und des Binnenmarkts. Trotz eines in letzter Minute vereinbarten Freihandelsabkommens kommt es zu bürokratischen Hürden und anderen Handelshemmnissen. Besonders kleine und mittelständische Unternehmen kämpfen laut Grieveson damit. „Es ist teurer und aufwendiger geworden, in die EU zu exportieren“, sagte der Experte. „Viele haben aufgegeben.“
Planlos
„Theoretisch“ hätte es durch den Wegfall vieler EU-Regularien „viel mehr Spielraum“ in der Gestaltung der Handelsbeziehungen geben müssen, doch dieser sei nicht genutzt worden, sagte Grieveson. „Sie hatten keinen Plan.“ Je weiter sich Großbritannien von der EU entferne, desto höher fielen die wirtschaftlichen Kosten aus. Das Land sei nicht zuletzt aufgrund der geopolitischen Entwicklung „viel europäischer als vor zehn Jahren“, betonte der Experte im Hinblick auf den Ukraine- und den Iran-Krieg.Hinzu komme, dass die ökonomische Lage Großbritanniens „sehr schlecht“ sei, fügte er hinzu. An eine Rückkehr in den europäischen Binnenmarkt glaubt Grieveson dennoch nicht. Damit wäre auch die Rückkehr der Personenfreizügigkeit, durch die sich EU-Bürgerinnen und -Bürger ohne weiteres in Großbritannien niederlassen können, verbunden. Migration sei momentan in Großbritannien ein „besonders heikles“ Thema, erklärte der Experte. Eine Rückkehr in die Zollunion wäre da schon „realistischer“.


