Montag, 13. Oktober 2025

BILDER | Geiseln: „Ich war hungrig nach menschlicher Wärme“

In Tel Aviv, auf dem „Platz der Geiseln“, ist am Montagmorgen ein kollektiver Aufschrei der Freude zu hören. Tausende Menschen liegen sich in den Armen, viele mit Tränen in den Augen, andere schwenken blau-weiße israelische Fahnen. Nach zwei Jahren grausamer Ungewissheit sind die ersten von der islamistischen Hamas im Gazastreifen festgehaltenen Geiseln wieder frei.

Nach zwei Jahren grausamer Ungewissheit sind die ersten von der islamistischen Hamas im Gazastreifen festgehaltenen Geiseln wieder frei. - Foto: © APA/afp / -

„Ich bin schon seit gestern Abend hier, ich bin extra aus Haifa gekommen“, erzählt Daniel Colodro, 37, in eine israelische Fahne gehüllt. Der gebürtige Chilene blickt auf die jubelnde Menge. „Das ist ein historischer Tag. Wir haben zwei Jahre lang darauf gewartet – endlich können wir durchatmen.“

Jubel und Tränen in ganz Israel

Mit der Nachricht von den ersten Freilassungen bricht auf dem Platz unbändiger Jubel aus. Fernsehkameras zeigen Familien in ihren Wohnzimmern, die bei der Rückkehr ihrer Angehörigen in Freudentränen ausbrechen. „Wir sind alle unglaublich bewegt“, sagt Danielle Aloni, selbst einst Geisel der Hamas. Ihr Schwager, David Cunio, gehört zu den insgesamt 20 noch lebenden Geiseln. „Ein Traum ist in Erfüllung gegangen, es ist unbeschreiblich“, sagt sie dem Sender N12.

Klicken Sie sich hier durch die Bilder der Befreiung und der Freude:



Auch symbolisch ist dieser Tag von tiefer Bedeutung: Die Geiseln waren am jüdischen Feiertag Simchat Tora – dem „Fest der Freude an der Tora“ – entführt worden. Nun, zwei Jahre später, kehren sie just an diesem Feiertag zurück.

Dankbarkeit gegenüber den USA

Auf dem Platz in Tel Aviv ist die Dankbarkeit gegenüber US-Präsident Donald Trump spürbar. Viele sehen in ihm den Vermittler, der Israel und die Hamas nach zwei Jahren Krieg zu einer Waffenruhe bewegt hat. Ein Mann zieht einen Einkaufswagen voller amerikanischer Flaggen über den Platz und verkauft sie an die Menge. Medien berichten, Trumps Flugzeug habe bei seiner Ankunft Israel über den Platz hinweggeflogen.

Bevor Sie weiterlesen, stimmen Sie ab:



Das Schicksal der Geiseln hatte das Land tief bewegt. Seit dem beispiellosen Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 war kein Tag vergangen, an dem die Familien aufgehört hätten zu hoffen. Als die Nachricht der bevorstehenden Freilassung über die Bildschirme lief, weinten selbst gestandene TV-Moderatoren live vor laufender Kamera.

Briefe, Hoffnung und Vorbereitungen

An gelben Bändern auf dem „Platz der Geiseln“ hängen Hunderte Briefe, die Israelis an die Entführten geschrieben haben. „Was für eine Freude, dass Ihr wieder nach Hause kommt“, steht in krakeliger Kinderschrift auf einem davon.

Auch in den Krankenhäusern laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Für Matan Angrest, eine der Geiseln, ist das Krankenzimmer mit den Farben seines Lieblingsvereins Maccabi Haifa geschmückt. Die Mutter von Elkana Bohbot sagt: „Man hat uns auf mindestens fünf Tage im Krankenhaus vorbereitet – aber es gibt Dinge, die man nicht vorbereiten kann. Man muss dem Herzen folgen.“

Ärztliche Sorge und seelische Wunden

So groß die Freude ist, so groß ist auch die Sorge. Ärzte warnen vor gesundheitlichen Risiken wie dem sogenannten „Refeeding-Syndrom“, das auftreten kann, wenn stark unterernährte Menschen plötzlich wieder normal essen. „Wir sind auf jede medizinische und menschliche Lage vorbereitet“, sagt Professor Itai Pesach vom Shiba-Krankenhaus. „Das Wichtigste ist, dass sie wieder zurückkommen.“

Neben den körperlichen Verletzungen bleiben tiefe seelische Narben. Die Traumata der Entführungen und der Gewalt wirken nach. Erst vor wenigen Wochen nahm sich ein Überlebender des Nova-Musikfestivals, der dem Massaker entkommen war, das Leben.

Die ehemalige Geisel Omer Shem Tov erinnert sich an seine Rückkehr nach 450 Tagen Einsamkeit: „Ich war hungrig nach menschlicher Wärme. Die erste Umarmung, die ich bekam, werde ich nie vergessen.“

Zwischen Freude und Schmerz

Nicht alle Familien dürfen auf eine Wiedervereinigung hoffen. 28 Geiseln kehren nur noch tot zurück. Ihre sterblichen Überreste sollen im Rahmen der Vereinbarung an Israel übergeben werden. Für jene, deren Angehörige noch vermisst werden, bleibt die Angst, dass sie nie gefunden werden könnten. Internationale Suchtrupps sollen deshalb im Gazastreifen nach weiteren Leichen suchen.

Bis dahin wollen die Menschen auf dem „Platz der Geiseln“ weiter demonstrieren – für die Rückkehr aller, Lebender wie Toter. „Wir können jetzt nicht aufhören“, sagt Daniel Colodro. „Alle müssen zurückgebracht werden – die Toten und die Lebenden.“

apa/stol

Stellenanzeigen


Teilzeit






Teilzeit





powered by
Kommentare
Kommentar verfassen
Bitte melden Sie sich an um einen Kommentar zu schreiben
senden