STOL: Herr Röggla, vor 25 Jahren wurde die Vereinigung MIDAS mit dem Zweck gegründet, durch gegenseitige Unterstützung die Minderheitenzeitungen zu stärken. Ist das gelungen?
Marc Röggla: Leider nicht. Von der Aufbruchsstimmung rund um die Jahrtausendwende ist derzeit nicht viel zu spüren. Heute muss man einräumen, dass sich die Lage von vielen Minderheitenzeitungen und vom Lokaljournalismus verschlechtert hat. Die Gründe sind in den Neuerungen der Medienlandschaft und im hohen Kostendruck zu suchen. Darüber hinaus gerät die Pressefreiheit zusehends unter Druck und die Arbeitsbedingungen von Lokaljournalisten sind schwieriger geworden.
STOL: Woran lässt sich das festmachen?
Röggla: Aus den Daten der UNESCO geht hervor, dass seit 1993 über 1.500 Journalisten im Zuge ihrer Arbeit getötet wurden. Allein an dieser Zahl zeigt sich das düstere Bild für die Pressefreiheit. Beim Großteil der Opfer handelt es sich um Lokaljournalisten, die sich nicht gescheut haben, hartnäckig zu recherchieren. Kurzum: Lokaljournalismus ist schwieriger geworden, gleichzeitig gewinnt er aber an Bedeutung.
STOL: Wie meinen Sie das?
Röggla: Mehr denn je kann man beobachten, wie die großen, gesamtstaatlichen Medienorgane von den Ereignissen und Konflikten dieser Welt getrieben sind. Viele wichtige Themen auf regionaler bzw. lokaler Ebene bleiben auf der Strecke. Gerade in unserer frenetischen Welt kann der Lokaljournalismus als Konstante wirken, indem er sich mit Zuverlässigkeit und Seriosität der Themen vor Ort annimmt. Folglich leistet er einen unverzichtbaren Beitrag zur Stärkung der Demokratie, da er Taten und Ansichten der lokalen Bevölkerung sichtbar macht und ihr eine Stimme gibt. Genau in diesen Aspekten sehe ich auch die Zukunft des Lokaljournalismus, aller Entwicklungen zum Trotz.
STOL: Entwicklungen sind ein gutes Stichwort, denn schließlich hat die MIDAS-Generalversammlung in Bozen die KI zum Schwerpunktthema auserkoren. Wie können die Minderheiten davon profitieren?
Röggla: Exakt dieser Frage widmen sich die Vertreter von Minderheitenmedien aus ganz Europa. Dieses Werkzeug gilt es zu nutzen. Wenn wir die Zuhilfenahme von KI im Arbeitsalltag von Minderheitenzeitungen betrachten, so zeigen sich schon jetzt Einsatzbereiche bei der Erstellung von Texten oder in der Recherche. Zugleich gewinnt die menschliche Komponente an Bedeutung, wenn es etwa um die Einordnung und das Kuratieren von Nachrichten geht. Deshalb bin ich der Auffassung, dass die Medienförderung überdacht werden sollte, indem man stärker die Qualitätsstandards im Auge haben sollte und weniger die Klickzahlen oder die Reichweite.
STOL: Seit jeher bildet das Modell der Südtirol-Autonomie einen Referenzpunkt für viele Minderheiten in Europa. Wie lässt sich vor diesem Hintergrund die Autonomiereform einordnen?
Röggla: Ohne jetzt näher auf die Details einzugehen, ist die Autonomiereform sicherlich ein wichtiger Schritt für die Weiterentwicklung Südtirols, ermöglicht sie doch neue Spielräume. Nun muss man aber schauen, was wir daraus machen. Eine erste Bilanz wird sich wohl erst in fünf bis zehn Jahren ziehen lassen. Abgesehen davon gibt es sehr wohl andere Realitäten und Regionen in Europa, von denen sich Südtirol so einiges abschauen kann.
STOL: An welche Regionen denken Sie?
Röggla: Einen vorbildhaften Minderheitenschutz gibt es etwa auf den Åland-Inseln, einer autonomen Region Finnlands, während das Baskenland in Sachen Digitalisierung eine Vorreiterrolle einnimmt.
STOL: Welche Themen auf Ihrer MIDAS-Agenda genießen derzeit Priorität?
Röggla: Ein Projekt umfasst die bessere Auflistung bzw. Erfassung von lokalen Nachrichten in KI-Ergebnissen. Hier hoffen wir auf eine Finanzierung. Zudem wäre es schön, die Mitgliederanzahl weiter zu steigern, denn es fehlen noch Sprachräume wie etwa jene in Wales oder in Irland.


