Sonntag, 6. September 2026

Welche Freiheit wollen wir?

„Dieses Land ist stark geworden, weil es gelernt hat, die eigene Identität zu schützen, ohne den Rest der Welt vor die Tür zu setzen.“ Ein Kommentar von „Dolomiten“-Redakteur Rainer Hilpold.

„Abschottung? Können wir uns nicht leisten. Wirtschaftlich nicht. Gesellschaftlich nicht. Geistig schon gar nicht.“

Am gestrigen 5. September vor 80 Jahren wurde das Gruber-De-Gasperi-Abkommen unterzeichnet. Für viele Südtiroler war das eine bittere Enttäuschung, das „Minimum vom Minimum“. Die Selbstbestimmung blieb aus. Und doch: Aus diesem Zu-wenig wuchs im Laufe der Jahrzehnte erstaunlich viel Freiheit.

Sieben Tage später, Tramin. Die Jugendorganisation der Süd-Tiroler Freiheit holt Jean-Pascal Hohm ins Land. Der AfD-Politiker wird vom Brandenburger Verfassungsschutz als Rechtsextremist eingestuft. Von ihm stammt der Satz, das deutsche Volk als „ethnische und kulturelle Gemeinschaft“ sei nicht verhandelbar.

Dass sich da etwas berührt, überrascht manche mehr, manche weniger. Volk, Identität, das Recht, über sich selbst zu bestimmen – diese Sprache ist auch der Süd-Tiroler Freiheit vertraut. Dazu kommt ein politischer Stil, der sich stark ähnelt: griffige Botschaften, klare Gegner, starke Bilder, möglichst ungefiltert über die sozialen Medien. Das Versprechen dahinter: Wir Südtiroler entscheiden über unsere Zukunft, bewahren unsere Identität und legen fest, wer zu uns kommen soll.

Man könnte das „Festzelt-Freiheit“ nennen. Offline bringt sie Applaus und Schulterklopfer, online funktioniert sie im kurzen Clip. Sie klingt kraftvoll und ist schnell erklärt. Schwieriger wird es erst danach: Wer genau gehört zu diesem „Wir“?
Südtirol kennt diese Frage.

Gilt die Freiheit also auch für jene, die nicht zum eigenen sprachlichen oder kulturellen Kreis gehören?
Rainer Hilpold


Im italienischen Staat sind Deutsch- und Ladinischsprachige Minderheiten. Deshalb brauchte es Schutzrechte und Schranken für die Mehrheit. Im eigenen Land stellen die Deutschsprachigen selbst die Mehrheit. Und Südtirol ist seit Jahrzehnten daran gewöhnt, Unterschiede auszuhalten, Interessen auszutarieren und Kompromisse zu suchen. Gilt die Freiheit also auch für jene, die nicht zum eigenen sprachlichen oder kulturellen Kreis gehören?

Offenheit heißt nicht schrankenlose Zuwanderung. Ein Land darf sie steuern und Integration verlangen. Heikel wird es, wenn aus „Wir entscheiden selbst“ ein „Wir entscheiden, wer wirklich dazugehören darf“ wird.

Mit der Freiheit, die Südtirol vorangebracht hat, hat Letzteres freilich wenig zu tun. Dieses Land ist stark geworden, weil es gelernt hat, die eigene Identität zu schützen, ohne den Rest der Welt vor die Tür zu setzen. Grenzen wurden durchlässiger, Tourismus, Handel und Austausch selbstverständlich. Aus dem oft mühsamen Nebeneinander wurde vielerorts ein ziemlich normales Miteinander. Abschottung? Können wir uns nicht leisten. Wirtschaftlich nicht. Gesellschaftlich nicht. Geistig schon gar nicht.

Am 5. September erinnern wir an einen unvollkommenen Kompromiss, aus dem später Brücken entstanden. Am 12. September spricht Hohm. Sieben Tage Zeit für die Frage, welche Freiheit Südtirol weiterbringt.

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stol

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