Sonntag, 7. Juni 2026

Baustein im Zeitgeschehen

„Forschung ist immer in Interaktion mit der Gesellschaft zu sehen“, sagt Beate Gatterer, Schriftleiterin „Der Schlern“, und erklärt warum die Publikation nach 100 Jahren immer am Puls der Zeit ist.

„Forschung ist immer in Interaktion mit der Gesellschaft zu sehen“, sagt Beate Gatterer, Schriftleiterin von „Der Schlern“, und erklärt warum die Publikation nach 100 Jahren immer am Puls der Zeit ist. - Foto: © ÖA / jaidermartina

Sie leiten die Monatszeitschrift für Südtiroler Landeskunde nun schon seit 2001. Wie gelingt es Ihnen, immer wieder anspruchsvolle Forschung so aufzubereiten, dass sie ein breiteres, kulturinteressiertes Publikum erreicht, ohne an Tiefe zu verlieren?
Beate Gatterer: Ich habe die Leitung damals von Hans Grießmair übernommen. Er war als Volkskundler und Museumsmann weit vernetzt und hat viele Koryphäen dazu bewogen, für den „Schlern“ zu schreiben. Sein Anliegen, den „Schlern“ von Themen und Autoren breit aufzustellen, wurde auch meines. Wissenschaft hat den Ruf abgehoben zu sein, dennoch kann man durch entsprechende Gestaltung, die Lesenden an das Thema heranführen, ohne dabei das Wesentliche zu verlieren.


Mit 1. Jänner 1920 stellte sich „Der Schlern“ vor. Damals erschien die Zeitschrift alle 14 Tage. <?ZS?><?Uni SchriftStil="0" SchriftArt="QuadraatSans" SchriftGroesse="7pt" Vorschub="10,2pt" SchriftWeite="100ru" SatzArt="0"?><?TrVer?><?Uni Kapitaelchen="100ru"?><?_Uni?><?FW "2pt"?><?PH PHFormat="$($IptcQue$/)"_?><?PH PHFormat="$($IptcAN)"_?><?_Uni?><?ZA?>



Landeskunde klingt für manche nach Vergangenheit und Bewahrung – für andere nach einem offenen, interdisziplinären Blick auf einen Raum: Was bedeutet „Landeskunde“ heute für Sie?
Gatterer: Vergangenes zu bewahren, heißt, sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen und so Wurzeln zu stärken. Interdisziplinarität steht dazu nicht im Widerspruch, ganz im Gegenteil. Erst durch interdisziplinäre Herangehensweise können komplexe Themen zur Gänze ausgelotet und erforscht werden.


Nach welchen Kriterien wählen Sie die Themenschwerpunkte aus – und wie stark reagieren diese auf aktuelle Ent- wicklungen in Forschung und Gesellschaft?
Gatterer: Meist sind es aktuelle Themen, ein Jahrestag etwa, den man zum Anlass nimmt, noch einmal tiefer zu gehen. Forschung ist immer in Interaktion mit der Gesellschaft zu sehen, spiegelt Entwicklungen und setzt Kontrapunkte. Die Balance zu halten ist ein wichtiges Anliegen.


Im Juli-August 1938 erschien die vorerst letzte Ausgabe als „Der Sciliar“. <?ZS?><?Uni SchriftStil="0" SchriftArt="QuadraatSans" SchriftGroesse="7pt" Vorschub="10,2pt" SchriftWeite="100ru" SatzArt="0"?><?TrVer?><?Uni Kapitaelchen="100ru"?><?_Uni?><?FW "2pt"?><?PH PHFormat="$($IptcQue$/)"_?><?PH PHFormat="$($IptcAN)"_?><?_Uni?><?ZA?>



„Der Schlern“ blickt auf über ein Jahrhundert Geschichte zurück – wie verändert sich die Perspektive auf Südtirols Kultur und Wissenschaft im Spannungsfeld zwischen Tradition und aktuellen gesellschaftlichen Debatten?
Gatterer: 1920 waren die politischen Verhältnisse gänzlich anders als heute, dennoch ist eines gleich geblieben: Damals war es durch Kriegsende, Ende des Habsburgerreiches und durch erstarkenden Faschismus eine Zeit des Umbruchs, in der die Gründer versuchten, einen Bezug zur Heimat herzustellen. Auch heute erleben wir einen tiefgreifenden Wandel und in solchen Zeiten braucht es etwas, das Halt gibt und Sicherheit – ein enger Bezug zu den Wurzeln kann helfen.


Sie haben erklärt, dass Professoren und Lehrende von zahlreichen Universitäten in aller Welt ihre Aufsätze in der Zeitschrift veröffentlicht haben. Inwiefern kann eine auf Südtirol fokussierte Zeitschrift heute auch überregionale oder internationale kulturwissenschaftliche Diskurse mitprägen?
Gatterer: Mitprägen klingt etwas weit gegriffen. Aber große Entwicklungen spiegeln sich im Kleinen. Und so kann „Der Schlern“ durchaus auch ein Baustein in der aktuellen Entwicklung sein.


Ein Titelbild aus dem Jahr 1923 – mit der Zeichnung von Rudolf Stolz.<?ZS?><?Uni SchriftStil="0" SchriftArt="QuadraatSans" SchriftGroesse="7pt" Vorschub="10,2pt" SchriftWeite="100ru" SatzArt="0"?><?TrVer?><?Uni Kapitaelchen="100ru"?><?_Uni?><?FW "2pt"?><?PH PHFormat="$($IptcQue$/)"_?><?PH PHFormat="$($IptcAN)"_?><?_Uni?><?ZA?>



„Der Schlern“ ist auch weltweit in Bibliotheken zu finden. Wo etwa?
Gatterer: Es sind vor allem die großen Bibliotheken in Europa. Vor Jahren hat eine Bibliothek aus Südkorea gebeten, eine Ausgabe nachzuliefern. Studenten aus Amerika haben mir erzählt, dass sie die Zeitschrift an der dortigen Universität gefunden haben. Man muss aber auch sehen, dass in Zeiten der gekürzten Gelder für Kultur und Wissenschaft manche Bibliotheken leider nicht mehr die Gelder haben, Zeitschriften zu abonnieren.


Wer liest heute die Publikation „Der Schlern“ – und wie verändert sich Ihre redaktionelle Arbeit angesichts neuer Lesegewohnheiten, digitaler Formate und eines jüngeren Publikums?
Gatterer: Sammler freuen sich immer auf die nächste Nummer und lesen sie bis ins letzte Detail. Ein jüngeres interessiertes Publikum sucht gezielt Aufsätze, die bei wissenschaftlichen Arbeiten helfen können. Und ja, man muss der neuen Zeit Rechnung tragen, Social Media ist sicher ein Thema, auch die Verankerung in wissenschaftlichen Plattformen, die den Autorinnen und Autoren zu den Punkten verhelfen, die sie fürs Curriculum brauchen.


1946 durfte „Der Schlern“ wieder erscheinen.<?ZS?><?Uni SchriftStil="0" SchriftArt="QuadraatSans" SchriftGroesse="7pt" Vorschub="10,2pt" SchriftWeite="100ru" SatzArt="0"?><?TrVer?><?Uni Kapitaelchen="100ru"?><?_Uni?><?FW "2pt"?><?PH PHFormat="$($IptcQue$/)"_?><?PH PHFormat="$($IptcAN)"_?><?_Uni?><?ZA?>



Sie zitieren den Gustav Mahler zugeschrieben Satz: „Tradition heißt nicht Anbetung der Asche, sondern Aufrechterhalten des Feuers.“ Und heben gleichzeitig hervor, dass Landeskunde heute wichtiger denn je ist, denn sie vermittelt Kontext in einer globalen Welt, Kontext, den kein Algorithmus liefern kann…
Gatterer: Tradition im Wandel: Es gilt das weiterzuführen, was sich bewährt hat und sich gleichzeitig zu öffnen für das Neue, hoffend, dass Tiefgründigkeit, Hintergrundwissen und Offenheit für neue Aufgaben der Zeitschrift noch langen Bestand gewähren.

(eva)

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