Montag, 14. September 2026

Staats- und Regierungschefs aus EU erörtern Arktis-Strategie

Mehrere europäische Staats- und Regierungschefs sowie EU-Vertreter sind am Sonntag in Finnland zu Beratungen über ihre Strategie für die geopolitisch immer wichtiger werdende Arktis zusammengekommen. Bei dem zweitägigen Treffen in Rovaniemi, zu dem der finnische Ministerpräsident Petteri Orpo eingeladen hat, geht es um Wirtschafts-, Umwelt- und Verteidigungsfragen Aus Brüssel reisten unter anderem Ratspräsident António Costa und die Außenbeauftragte Kaja Kallas an.

Finnlands Ministerpräsident Petteri Orpo. - Foto: © APA/AFP (Themenbild) / TOBIAS SCHWARZ

In der Hauptstadt Lapplands werden zudem die Regierungschefs aus Deutschland (Friedrich Merz), Estland (Kristen Michal) und Lettland (Andris Kulbergs) sowie die Staatsoberhäupter aus Litauen (Gitanas Nausėda) und Rumänien (Nicușor Dan) erwartet. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron wird von Außenminister Jean-Noël Barrot vertreten.

Ebenfalls angesagt hat sich die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen, die sich mit Besitzansprüchen von US-Präsident Donald Trump auf Grönland konfrontiert sieht. Trump argumentiert, dass Dänemark die riesige Arktisinsel nicht vor Russland und China schützen könne. Das weitgehend autonome, aber zum Königreich Dänemark gehörende Territorium ist wegen seiner militärstrategischen Lage, aber auch wegen der dort vermuteten Bodenschätze interessant.

Durch den Klimawandel schmilzt das Eis in der Arktis schneller. Neue Schifffahrtsrouten und Zugänge zu Rohstoff entstehen. China und Russland sind in der Region aktiv. „Die Europäische Union hat ein direktes Interesse an ihrer Stabilität, Sicherheit und nachhaltigen Entwicklung“, sagte Orpo im Voraus laut einer Mitteilung. Der Gipfel beginnt am Sonntagabend mit einem Arbeitsessen. Am Montag sind ein Besuch eines Stützpunkts der finnischen Luftwaffe und die Arbeitssitzung geplant. Zum Abschluss soll es eine Pressekonferenz geben.

Europäische Sicherheit

Grönland ist zwar nicht Teil der Europäischen Union. Erst Anfang der Woche hatte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bei einem Besuch auf der Arktisinsel aber eine engere Zusammenarbeit angekündigt - und ein Investitionspaket von 200 Millionen Euro. Genutzt werden soll es unter anderem für die Infrastruktur, die nötig ist, um wertvolle Rohstoffe zu bergen.

Neben Dänemark mit Grönland werden auch Norwegen mit Spitzbergen sowie Russland, die USA und Kanada zu den arktischen Polarstaaten gezählt. Dem 1996 für den Umweltschutz gegründeten Arktischen Rat gehören zudem Island, Schweden und Finnland an.

Gipfelgastgeber Finnland will bei den Gesprächen deutlich machen, dass die Arktis als ein integraler Bestandteil europäischer Sicherheit betrachtet werden muss und bei Weitem nicht mehr nur aus wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Perspektive. Als ein Beispiel für Bedrohungen gelten von Norwegen und Großbritannien offengelegte Aktivitäten russischer Unterseeboote im Hohen Norden im Frühjahr. Nach Angaben aus NATO-Kreisen gilt es mittlerweile als sicher, dass die Boote nahe Spitzbergen eine neuartige Technologie zur weitgehend spurenlosen Sabotage von Unterseekabeln erprobt haben.

Die Ergebnisse des Gipfels will die EU-Kommission für die Erarbeitung der geplanten neuen Arktis-Strategie nutzen. Vor allem Finnland will erreichen, dass europäische Eisbrecherfähigkeiten als konkretes Projekt darin aufgenommen werden. Die Finnen sehen Eisbrecher als Schlüssel für Europas Handlungsfähigkeit im Hohen Norden: Ohne sie lassen sich Versorgung, Handel und militärische Präsenz in weiten Teilen der Region trotz schwindenden Meereises nicht zuverlässig sichern.

Kommissionspräsidentin von der Leyen hat bereits vor Längerem vorgeschlagen, höhere europäische Verteidigungsausgaben für eine „europäische Eisbrecher-Flotte“ beziehungsweise europäische Eisbrecherfähigkeiten zu nutzen, die Kommission arbeitet zudem an einem breiteren Paket für die Sicherheit der Arktis. Ein konkretes Beschaffungsprogramm oder eine festgelegte Zahl neuer Schiffe gibt es bislang allerdings nicht.

Anselm Küsters vom Centrum für Europäische Politik (cep) kommentiert zum Gipfel: „Wenn die EU-Staats- und Regierungschefs in Rovaniemi über die Arktis beraten, sollten sie den Blick von der Tagesordnung auf die Werften Helsinkis richten. Europas Souveränität entscheidet sich nicht unbedingt in teuren Chipfabriken und KI-Gigafactories, die es auch andernorts gibt, sondern gerade bei unscheinbaren Fähigkeiten, deren Ersatz Jahre dauern würde.“ Küsters verweist darauf, dass Finnland hier bereits über eine besondere Schlüsselkompetenz verfüge: Dort heimische Unternehmen hätten rund 80 Prozent der Eisbrecher weltweit entworfen und rund 60 Prozent gebaut.

Aus der Gipfel-Delegation der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas heißt es zu dem Spitzentreffen: „Die Sicherheit der Arktis ist europäische Sicherheit, und Europa muss entsprechend handeln.“ Der Klimawandel bleibe eine zentrale Herausforderung und ein Kernelement der neuen EU-Arktispolitik. Zugleich müsse sich Europa aber einer härteren Sicherheitsrealität stellen, in der Russland die Arktis zunehmend militarisiere und China seine Präsenz und Ambitionen ausweite.

„Die Arktis kann als Sicherheitsraum inzwischen nicht mehr von Europa und der Ostsee abgetrennt werden“, sagt der Nordeuropa- und Sicherheitsexperte Tobias Etzold, der in dem Treffen auch eine Botschaft an Trump sieht. „Die EU will gegenüber den USA ein Zeichen setzen, dass sie nicht untätig bleibt und anderen das Feld überlässt, sondern ihre Interessen in der Region wahrnimmt“, sagte er.

apa

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