Drei Dialekte und ein großer Unterschied zur Standardsprache
Die Umsiedler brachten drei kroatische Dialekte mit in ihre neue Heimat, die sich zum Teil beträchtlich voneinander unterschieden. Diese Varianten und auch die Schriftsprache, das im 19. Jahrhundert vereinheitlichte Burgenländische Kroatisch, unterscheiden sich beträchtlich von der modernen Schriftsprache der Republik Kroatien.
Kroatisch ist zwar als Amtssprache in den zweisprachigen Gemeinden zugelassen, aber in der Praxis ist es dem Zufall überlassen, ob ein kroatischer Burgenländer im Amt seine Muttersprache verwenden kann.
Mit ein Grund dafür dürfte die geografische Situation sein: Das Burgenland gleicht einer Sanduhr, die an ihrer engsten Stelle ganze vier Kilometer schmal ist. Der Länge nach sind es dagegen von der nördlichsten burgenländisch-kroatischen Gemeinde bis zur südlichsten volle 180 Kilometer. Während die sprachliche Situation im Mittelburgenland noch als halbwegs gut bezeichnet wird, ist sie im Süden schlecht und im Norden geradezu dramatisch.
Die kroatische Minderheit im Burgenland
In sechs von sieben politischen Bezirken des Burgenlands leben Kroaten.Sie stellen ungefähr ein Sechstel der 300.000 Einwohner.
Ein Drittel der Kroaten lebt allerdings in Wien. Die Ungarn zählen 20.000 bis 30.000 Angehörige, die Roma knapp 5000.
Von den 171 Gemeinden des Burgenlands sind 28 (mit 23 Ortsteilen) mit mehr als 25 Prozent kroatischer Bevölkerung als zweisprachig anerkannt und haben zweisprachige Ortsschilder.
381;eljezno), er steht aber nicht auf dem Ortsschild.
83 Prozent brechen nach der Pflichtschule weg
23 zweisprachige Volksschulen gibt es derzeit im Burgenland und dazu noch 33 weitere Volksschulen mit einem Angebot in Sachen Minderheitensprache, das vom Pflichtgegenstand bis hin zur unverbindlichen Übung reicht.
Zweisprachige Mittelschulen gibt es genau eine im ganzen Bundesland. Ebenso viele zweisprachige Bundesgymnasien existieren: Das einzige steht in Oberwart (kroatisch Borta, ungarisch Felsöör) und hat einen kroatischen und einen ungarischen Zug.
40 Kilometer weiter nordöstlich gibt es noch das Bundesgymnasium Oberpullendorf (Gornja Pulja/ Fels pulya) mit einem „pannonischen Zweig“, also mit kroatischem und ungarischem Unterricht, der aber nur als Schulversuch läuft.
Zwei Schüler sprechen Kroatisch, zwei verstehen es, einer kann nichts
Wie funktioniert unter solchen Bedingungen ein Minderheitenschulwesen? Der Sprachunterricht liegt in den weiterführenden Schulen oft in Randstunden am Nachmittag. Die Lehrer müssen jedes Jahr aufs Neue darum kämpfen, dass Kroatisch-Kurse überhaupt zustande kommen, und sie müssen das Kunststück fertigbringen, allen Schülern in einem Kurs gerecht zu werden, in dem zwei Muttersprachler sind, zwei die Sprache verstehen, sie aber nicht sprechen, und einer gar keine Kenntnisse hat.
Vor wenigen Jahren noch sprachen die Kinder nach Schulschluss ganz selbstverständlich untereinander Kroatisch; heute ist das selten geworden. Das gilt allerdings für die ganze Minderheit: Fast überall wird nur noch Deutsch gesprochen.
Die Burgenländischen Kroaten
Sie kamen aus dem Grenzgebiet zwischen dem heutigen Kroatien und Bosnien-Herzegovina und wurden im 16./17. Jahrhundert in Westungarn angesiedelt, in Gegenden, die nach den Türkenkriegen verwüstet waren.
263;e) aus Teilen Westungarns mit hohem deutschsprachigem Anteil.
Kroaten leben vor allem im Burgenland und in einem schmalen Streifen jenseits der Grenze in Westungarn, einzelne Siedlungen gibt es aber auch in Tschechien und in der Slowakei.
„Mit wem soll meine Tochter in ein paar Jahren noch Kroatisch reden?“, fragt eine Kroatisch-Lehrerin. Sie geht davon aus, dass sie ihren Job mangels Nachfrage nicht mehr lange haben wird.
Iris Szótér leitet das zweisprachige Bundesgymnasium in Oberwart und kennt all diese Probleme nur zu gut. „Unsere Schule ist eine Insel der Seligen“, sagt sie.
240 Schüler werden an dieser Schule von 45 Lehrern unterrichtet. Es sind auch solche darunter, die nicht aus der kroatischen oder der ungarischen Minderheit kommen, deshalb müssen sie in der Minderheitensprache unterstützt werden; andere wiederum haben im Deutschen Probleme. Gegebenenfalls wird die Klasse in Lerngruppen unterschiedlichen Niveaus geteilt.
Vorbereitungskurse und Lerngruppen
„Wir bieten auch Vorbereitungskurse für Anfänger an“, sagt Marianne Seper; sie unterrichtet Ungarisch und Geschichte. Unterrichtsprinzip ist die Immersion: Es wird die Sprache unterrichtet, aber auch Fachunterricht in der Minderheitensprache gehalten.
Weil Lehrpläne und Lehrbücher in deutscher Sprache sind, „müssen wir alles je nach dem Bedarf des Schülers selbst erstellen“, sagt Seper. Das ist natürlich ein sehr viel größerer Aufwand als an einsprachig deutschen Schulen. „Ein Idealist, wer sich das antut“, sagt Seper.
Sebastian Tallian ist erst 27 Jahre alt und einer von zwölf Lehrern, die selbst diese Schule absolviert haben: Fast ein Viertel sind sozusagen Eigenproduktion. Seine Vorfahren sind Kroaten, er selbst sprach als Kind die Sprache aber nicht. Daher absolvierte er im Gymnasium einen Vorbereitungskurs und erlebte den Unterricht mit Teilung in Gruppen. Er hat die Sprachenhürde überwunden, das schaffen in der Praxis aber nicht alle Schüler.
Die Sprache gilt als minderwertig
Auch Tallian sieht den Rückgang der Sprecher als größtes Problem der Minderheit. „Die Familien sehen die Sprache als nicht mehr so wichtig an, weil sie als minderwertig angesehen wird, die Zweisprachigkeit wird nicht mehr gelebt, und irgendwann gibt es keine zweisprachige Schule mehr im Ort“, schildert Tallian. Kroatisch ist im Burgenland heute daher fast ausschließlich Zweitsprache.
„Das Angebot an zweisprachigen Schulen ist in den letzten Jahren von 100 auf 40 zurückgegangen“, sagt Karin Vukmann-Artner, die Leiterin der Abteilung für Minderheitenschulwesen in der Bildungsdirektion Burgenland.
Das zweisprachige Schulsystem habe vieles unternommen, um das Wegbrechen der Schüler aufzuhalten und der Konkurrenz durch musikalische, sportliche oder digitale Angebote an den deutschen Schulen zu begegnen, sagt Vukmann-Artner: „Wir versuchen solche Angebote bei uns mit der Zweisprachigkeit zu verknüpfen, zum Beispiel mit dem Projekt Mi4M.“ Das Ergebnis? „Wir haben so viele Maßnahmen gesetzt, und trotzdem verlieren wir so viele Schüler“, ist sie enttäuscht.
Vukmann-Artner brennt seit ihrer Jugend für die Volksgruppen, ihre Sprachen und die Gemeinschaft. Und sie ist überzeugt, dass das Minderheitengesetz die zweisprachige Schule schützt. Aber wie wird diese in 30 Jahren angesichts der beobachteten Entwicklungen aussehen? „Dank dem Minderheitengesetz wird es die zweisprachigen Schulen noch geben“, sagt Vukmann-Artner, „aber dann vielleicht als fremdsprachliche Schulen.“
Radio MORA fördert Mehrsprachigkeit
Für die Volksgruppensprachen setzt sich das mehrsprachige Radio MORA in Gornja Pulja/Oberpullendorf ein. Es sendet hauptsächlich in kroatischer Sprache, aber auch in Ungarisch und Romanes. „Es hängt vom Personal ab“, sagt Redakteurin Elizabeth Hausmann-Farkas; es gebe aber immer weniger zweisprachige Redakteure aus der Region.Das Radio ist das einzige Lokalradio im Burgenland, kann gestreamt werden und ist deshalb auch außerhalb der Minderheitengebiete zu hören. „Gerade Eltern und Großeltern, die weiter weg wohnen – auch in Ungarn – wollen die Sendungen hören, die wir mit Schülern machen“, erklärt Hausmann Farkas. Diese Sendungen werden in Zusammenarbeit mit dem Bundesgymnasium Oberpullendorf produziert.
Kultur gegen die Assimilierung
Mehrsprachigkeit ist auch der zentrale Pfeiler des Programms im Kulturzentrum Kuga in Veliki Borištof/Großwarasdorf. Die Genossenschaft „KUlturna zadruGA“ wurde 1982 mit dem Ziel gegründet, die Assimilation aufzuhalten und Arbeitsplätze zu schaffen, erläutert Gründungsmitglied Gerlinde Stern-Pauer.„Alles war von Beginn an auf Mehrsprachigkeit und interkulturelle Arbeit ausgerichtet“, schildert sie. Das Kuga macht Früherziehung, Kinder- und Jugendarbeit, erarbeitet Musicals und führt einen Jugendchor. Aber auch für Erwachsene wird einiges geboten, immer mit Blick auf die Volksgruppensprachen und deren Zukunft.
Von Hatto Schmidt für Midas.


