Donnerstag, 25. Juni 2026

Tausende Todesopfer nach Erdbeben in Venezuela befürchtet

Bei zwei schweren Erdbeben in Venezuela sind mindestens 32 Menschen ums Leben gekommen und rund 700 weitere verletzt worden. In und um die Hauptstadt Caracas stürzten Dutzende Gebäude ein. Die US-Erdbebenwarte USGS befürchtet jedoch weitaus höhere Opferzahlen. Einer Modellrechnung der Behörde zufolge könnte die Zahl der Toten in die Tausende gehen; eine Zahl von mehr als 10.000 Toten sei wahrscheinlich.

Bil der Zerstörung in Venezuela. - Foto: © APA/afp / FEDERICO PARRA

Interimspräsidentin Delcy Rodriguez erklärte im staatlichen Fernsehen kurz vor 1 Uhr Ortszeit am Donnerstag, die bisherigen Opferzahlen enthielten noch keine Daten aus dem besonders schwer betroffenen Bundesstaat La Guaira nahe Caracas. La Guaira sei zu einem Katastrophengebiet geworden. Die Region hatte 1999 nach heftigen Regenfällen eine Flutkatastrophe erlebt, die laut damaligen amtlichen Zahlen Tausende Menschen das Leben kostete. In La Guaira liegt zudem der Flughafen der Hauptstadt, der geschlossen wurde. Er liegt an der Küste, etwa 30 Kilometer von der in rund 900 Metern Höhe gelegenen Hauptstadt Caracas entfernt.

„Dutzende Gebäude sind eingestürzt, und wir arbeiten derzeit unter Hochdruck an der Rettung von Menschen“, sagte Rodriguez. Es handle sich um eine „wahre Tragödie“. Eine von der Opposition im Ausland eingerichtete Website zur Suche nach Vermissten listete am Donnerstag gegen 2 Uhr Ortszeit mehr als 6600 Menschen auf, deren Verbleib ungeklärt war. Viele Menschen hatten sich wegen eines Feiertags am Nachmittag zu Hause aufgehalten, als die Erde bebte.

Alarmstufe Rot

Nach Angaben der USGS ereignete sich am Mittwoch zunächst ein Beben der Stärke 7,2 rund 160 Kilometer westlich von Caracas. 39 Sekunden später folgte ein zweites Beben der Stärke 7,5, berichtete auch der Österreichische Erdbebendienst der GeoSphere Austria. Eine Tsunami-Warnung wurde nach kurzer Zeit wieder aufgehoben. Nachbeben erschütterten die Region bis in den Donnerstag hinein. Es sei in den nächsten Tagen mit starken Nachbeben zu rechnen.

In dieser Region in der Nähe von Caracas ereigneten sich die Beben. - Foto: © APA



Der Erdbebendienst USGS gab Alarmstufe Rot bezüglich Todesfällen und wirtschaftlicher Verluste infolge von Erdbeben. Es ist mit einer hohen Zahl von Opfern und erheblichen Schäden zu rechnen, und die Katastrophe dürfte sich über ein großes Gebiet erstrecken.

„Als wir nach draußen liefen, sah es aus wie in einem Horrorfilm“, sagte eine Anrainerin in Caracas. Eine andere Augenzeugin berichtete, sie habe kurz vor den Erschütterungen eine Warnung auf ihrem Mobiltelefon erhalten. „Als ich es in die Hand nahm, spürte ich zuerst ein leichtes Zittern. In weniger als zwei Sekunden fing dann alles an, sich zu bewegen.“

USA und andere Staaten sichern Unterstützung zu

US-Präsident Donald Trump bot Venezuela Unterstützung an. Die beiden schweren Erdbeben seien von gewaltigem Ausmaß und hätten zu einer verheerenden Zahl von Todesopfern geführt, erklärte Trump auf einer Social-Media-Plattform. Die USA seien bereit und in der Lage zu helfen. Das Verhältnis zwischen beiden Ländern ist extrem angespannt; Trump hatte im Jänner angeordnet, den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro gewaltsam festnehmen zu lassen. Das US-Außenministerium erklärte, es stehe mit den venezolanischen Behörden in Kontakt.

Übergangspräsidentin Rodríguez telefonierte nach eigenen Angaben mit US-Außenminister Marco Rubio. Er habe dabei „Solidarität und Unterstützung für das venezolanische Volk in diesen für unsere Nation schwierigen Zeiten zum Ausdruck gebracht“, erklärte Rodríguez am Donnerstag im Onlinedienst X. Venezuela sei dankbar für die Solidaritätsbekundung der USA.

Rubio hatte zuvor die sofortige Entsendung von US-Rettungskräften angekündigt. „Amerika steht in dieser schwierigen Zeit an der Seite des venezolanischen Volkes“, erklärte der US-Außenminister auf X. Auf Anweisung von Präsident Donald Trump würden unverzüglich Such- und Rettungsmannschaften, medizinische Ressourcen und humanitäre Hilfe in das südamerikanische Land gesandt.

Zudem boten andere Staaten wie Brasilien, Spanien, El Salvador und die Dominikanische Republik Hilfe an. Auch Indien und China boten ihre Hilfe an. Der indische Premierminister Narendra Modi erklärte, Indien sei bereit, „jede nur mögliche Hilfe zu leisten“. Der chinesische Außenamtssprecher Guo Jiakun sagte, China wolle „entsprechend den Bedürfnissen“ Venezuelas helfen.

Ölindustrie zunächst nicht betroffen

In den Krankenhäusern der Hauptstadt stellte sich das Personal am Donnerstag auf die Versorgung zahlreicher Verletzter ein. Der Unterricht an den Schulen fällt für den Rest der Woche aus. Die Schlüssel-Infrastruktur der Ölindustrie des Landes schien von den Beben zunächst nicht betroffen zu sein. Der Katastrophenschutz in Maracaibo nahe dem bedeutenden Ölzentrum am Maracaibo-See meldete keine Schäden. Zudem blieb die El-Palito-Raffinerie nahe dem Epizentrum offenbar unbeschädigt.

Der britische Ölkonzern Shell erklärte, alle Mitarbeiter im Land seien wohlauf. Ein längerer Stromausfall könnte Insidern zufolge jedoch die Rohölproduktion beeinträchtigen. Das venezolanische Ölministerium, der staatliche Ölkonzern PDVSA und dessen wichtigster ausländischer Partner Chevron äußerten sich zunächst nicht.

Venezuela liegt in einer seismisch aktiven Zone, in der die Karibische und die Südamerikanische Platte aufeinandertreffen. Die Hauptstadt Caracas war 1967 von einem schweren Erdbeben der Stärke 6,3 getroffen worden. Im Jahr 1812 starben bei einem verheerenden Beben in Caracas und Merida schätzungsweise 30.000 Menschen

apa/dpa/reuters

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