Freitag, 28. August 2026

Einen Monat nach Migrantendrama: Ceuta wird zum sozialen Pulverfass

Knapp einen Monat nach dem Massenansturm von bis zu 80.000 afrikanischen Migranten auf Ceuta spitzen sich die sozialen Spannungen in der spanischen Nordafrika-Exklave dramatisch zu. Zwar kehrten die meisten der hauptsächlich jungen Marokkaner bereits 24 Stunden später wieder in ihre Heimat zurück. Doch laut Angaben der Regionalregierung befinden sich auch einen Monat nach dem Massenansturm immer noch bis zu 8000 Migranten in der nur 85.000 Einwohner zählenden Kleinstadt.

Die sozialen Spannungen werden mehr. - Foto: © APA/afp / ANTONIO SEMPERE

Hinzu kommen rund 1500 unbegleitete minderjährige Migranten, um die man sich kümmern muss. Der Unmut über den Umgang mit der jüngsten Migrationskrise seitens der sozialistischen Zentralregierung in Madrid wächst unter der Bevölkerung. Einwohner sprechen von einem Gefühl zunehmender Unsicherheit. Die Strände, öffentlichen Plätze und Parkanlagen seien verschmutzt und von den im Freien schlafenden Migranten praktisch besetzt. Die Bürger erwägen die Bildung von „Selbstverteidigungsgruppen“, Nachbarschaftspatrouillen und organisieren gleichzeitig Demonstrationen in WhatsApp-Gruppen, um die Ausweisung der Marokkaner zu fordern.

Im Laufe dieser Woche fanden bereits täglich Protestmärsche mit mehreren Hundert Menschen statt. Sie forderten schnellere Rückführungen von Migranten ohne Aufenthaltsrecht und mehr Sicherheit in den Straßen. Am Donnerstag nahmen bis zu 2000 besorgte Einwohner an den Protesten teil. Im Anschluss zerstörten mehrere Dutzend Protestmarschteilnehmer am Strand von El Trampolín die hier provisorisch von Migranten aus Sperrmüll, Palmwedeln und Plastikplanen aufgebauten Behausungen.
Es handelt sich hauptsächlich um Migranten aus Subsahara-Afrika, die zumindest ein Recht auf ein Asylverfahren haben und nicht einfach wie die Marokkaner abgeschoben werden dürfen. Bevor es zu handfesten Konflikten mit den afrikanischen Migranten kam, konnte die Polizei die Lage aber wieder beruhigen.

Frustrierte Migranten attackieren Militärwagen

Aber nicht nur die Nerven der Ceutíes liegen derzeit blank. Auch unter den zunehmend von ihrer Lage frustrierten Migranten kommt es immer häufiger zu Konflikten. Am Mittwoch musste die spanische Polizei sogar mit Schlagstöcken und Tränengas vorgehen, nachdem es zwischen mehreren Dutzend Migranten am Strand von El Trampolín bei der Lebensmittelvergabe durch das Rote Kreuz zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kam.

Am Donnerstagabend blockierten Dutzende Ceutíes kurzzeitig die Zugangsstraße zum Strand, um einen Lkw des Roten Kreuzes mit Lebensmitteln für die Migranten an der Weiterfahrt zu hindern, bis die Polizei die Straßenblockade auflöste. In der Nacht auf Donnerstag kam es sogar zu Angriffen auf vier spanische Soldaten. Eine Gruppe von 30 bis 40 jungen Marokkaner, die sich weigern, Ceuta zu verlassen, griffen im Stadtteil Benzú den Militärwagen mit Steinen und Stöcken an. Die Soldaten wurden leicht verletzt und mussten zu Fuß fliehen. Bisher nahm die Polizei bereits zwölf marokkanische Migranten im Zusammenhang mit diesem Vorfall fest. Szenen wie diese verstärken das Gefühl von Unsicherheit unter den Einwohner noch.

Spanische Regierung genehmigt 25 Mio. Euro für Betreuung von Migrantenkindern in Ceuta

Unterdessen genehmigte die spanische Zentralregierung von Ministerpräsident Pedro Sánchez am Dienstag den angekündigten Sonderkredit in Höhe von 25 Millionen Euro für die Betreuung von Migrantenkindern in Ceuta. Ziel ist es, die „dringende und prekäre“ Situation der über 1500 unbegleiteten Minderjährigen so schnell wie möglich zu lösen.

Jugendministerin Sira Rego will vor allem die Verteilung und Überführung der rund 500 jugendlichen Migrantinnen in Regionen auf dem spanischen Festland beschleunigen. Sie seien in den Aufnahmeeinrichtungen mit Blick auf sexuelle Übergriffe besonders gefährdet. Allein während der chaotischen Tage des Massenansturms Ende Juli seien insgesamt 16 minderjährige Migrantinnen sexuell belästigt oder vergewaltigt worden, bestätigte das Ministerium für Kinder Jugend und Kinder laut spanischen Medienberichten.

Oppositionsparteien profitieren vom Unmut der Bevölkerung

Für Spaniens rechts-konservativen Oppositionsparteien ist die Lage in Ceuta und der wachsende Unmut der Bevölkerung ein gefundenes Fressen. Die rechtspopulistische Partei Vox ruft derzeit über ihre Social-Media-Kanäle die Bürgerinnen und Bürger im ganzen Land auf, sich am 2. September um 20:00 Uhr vor den Rathäusern ihrer Gemeinden und Städte zu versammeln, um ihre Solidarität mit Ceuta zu bekunden. „Nein zur Invasion! Verteidigt Ceuta, verteidigt Spanien!“ lautet das Motto.

Die Unzufriedenheit der Ceutíes schreibt sich auch die konservative Volkspartei auf die Fahnen. Spaniens ehemaliger konservativer Ministerpräsident José María Aznar besucht die an der marokkanischen Mittelmeerküste liegende Exklave und erklärte, die „nationale Hoheit und territoriale Integrität Spanien haben keinen Urlaub“. Damit spielte Aznar auf die Kritik gegen Regierungschef Sánchez an, der bereits eine Woche nach der Migrationskrise seinen Sommerurlaub antrat.

Massenlegalisierung von Migranten als rotes Tuch für die Rechtsparteien
Sánchez habe eine „Invasion“ zugelassen, mit seiner jüngsten Massenlegalisierung von fast einer Million Migranten die „nationale und territoriale Sicherheit“ Spaniens in Gefahr gebracht, werfen die rechtskonservativen Oppositionsparteien ihm vor. Spaniens konservativer Oppositionsführer Alberto Núñez Feijóo (PP) spricht seit Wochen vom „Kontrollverlust“ und dem „Versagen“ der spanischen Linksregierung bei der Sicherung der europäischen Außengrenze.

Santiago Abascal, Chef der rechtspopulistischen Vox, geht noch einen Schritt weiter. Er spricht vor allem von „Kriminellen“, die am 31. Juli Ceuta erreichten, die „sofort abgeschoben werden müssen“. „Wenn die Regierung die Migranten nicht hinauswirft, werden das die Spanier erledigen“, sagte Abascal in seiner stets populistisch-provokativen Rhetorik, Sánchez gehöre für seine fahrlässige Migrations- und Grenzpolitik sogar ins Gefängnis.

Sánchez wird vor Parlament Stellung nehmen

Nächste Woche Donnerstag wird nun Spaniens sozialistischer Ministerpräsident vor dem Parlament zu den schweren Vorfällen an der EU-Außengrenzen in Ceuta und der aktuellen Lage Stellung nehmen. Sánchez will und muss sein Krisenmanagement und seine Migrationspolitik verteidigen. „Die Instrumentalisierung der Migrationsdebatte geht für die Rechtskonservativen wie für die Rechtspopulisten strategisch auf und gibt ihnen politischen Rückenwind“, versichert Politikexperte Pablo Simón mit Blick auf neuste Wahlumfrageprognosen. Die Lage in Ceuta biete vor allem den Rechtspopulisten die Möglichkeit, ihre politischen Lieblingsthemen – „kriminelle Migranten, Grenzkontrollverlust und nationale Priorität“ – wieder ins Zentrum der politischen Debatten zu rücken, meinte der Experte von der Madrider Carlos III. Universität im Gespräch mit der APA.

Während das Migrationschaos in Ceuta auch einen Monat später noch politisch für parteipolitische Graben- und Machtkämpfe benutzt wird, nehmen rassistische Anfeindungen in den sozialen Medien in Spanien zu. Die spanische Beobachtungsstelle gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (OBERAXE) registrierte allein in den 48 Stunden nach dem Migrantenansturm auf Ceuta in sozialen Medien wie TikTok, Instagram und WhatsApp 9.590 Hassbotschaften gegen Migranten.

apa

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