Im drittgrößten Land Südamerikas reichen sich die Präsidenten seit Jahren die Klinke weiter – oder besser gesagt: die Handschellen. In zehn Jahren verschliss Peru acht Staatschefs, sieben von ihnen sitzen mittlerweile im Gefängnis, stehen unter Hausarrest oder müssen sich vor Gericht verantworten.
Korruption prägt das Land
Die Bilanz offenbart eine chronische politische Instabilität, getrieben von Korruption. Es verwundert daher kaum, dass der Glaube an die Politik bei vielen Peruanern längst erloschen ist. Egal ob in der Millionenmetropole Lima oder in den entlegenen Andendörfern: Die Bürger haben sich mit der Allgegenwart der Korruption abgefunden, sei es auf der linken oder auf der rechten Seite des politischen Spektrums. Bei der Präsidentenwahl geht es daher weniger um politische Ideale als um die Frage, wer besser für Sicherheit und Stabilität sorgt.In der ersten Wahlrunde im April traten insgesamt 35 Kandidaten an. Da niemand auch nur annähernd die absolute Mehrheit erreichte, kommt es nun am Sonntag zur Stichwahl zwischen den beiden Stimmenstärksten: Keiko Fujimori von der rechtskonservativen Fuerza Popular (18,3 Prozent) tritt gegen Roberto Sánchez vom linksgerichteten Bündnis Juntos por el Perú (12,8 Prozent) an.
Fujimori: Neoliberalismus und harte Hand
Als aussichtsreichste Kandidatin gilt laut peruanischen Medien Keiko Fujimori, die ein schweres Erbe ihres Vaters trägt. Alberto Fujimori stieg 1990 auf dem Höhepunkt des Bürgerkriegs zum Präsidenten auf. Er war es, der die linke Terrorgruppe „Leuchtender Pfad“ erfolgreich zerschlagen und das Land in wirtschaftlich stabilere Bahnen gelenkt hat. Er war jedoch auch der, der 1992 das Parlament auflöste, eine neue Verfassung durchsetzte, Justiz, Militär sowie den Geheimdienst unter seine Kontrolle brachte und im Zuge der Terrorbekämpfung auch durch Todesschwadronen unschuldige Zivilisten ermorden ließ. Wegen Menschenrechtsverletzungen verbüßte Alberto Fujimori eine 25-jährige Haftstrafe.Entsprechend tief gespalten blicken die Peruaner auf den Namen Fujimori. Keiko Fujimori versucht seit Jahren, dieses Erbe politisch zu nutzen. Ihr Mandat als Abgeordnete im Jahr 2006 nutzte sie als Sprungbrett, um 2010 ihre eigene rechtskonservative Partei Fuerza Popular zu gründen. Im aktuellen Wahlkampf setzt sie angesichts einer massiven Welle der Gewaltkriminalität auf das Versprechen einer extrem „harten Hand“. Wirtschaftspolitisch knüpft sie nahtlos an das Erbe ihres Vaters an und verteidigt dessen radikal marktliberales Modell.
„Verstaatlichung“ und Reformen
Ihr Gegenkandidat Roberto Sánchez war unter dem mittlerweile inhaftierten Ex-Präsidenten Pedro Castillo Minister für Außenhandel und Tourismus und sitzt seit 2021 als Abgeordneter im Parlament.Auch Sánchez hat der Kriminalität den Kampf angesagt, setzt im Gegensatz zu Fujimori jedoch auf eine grundlegende Reform der Polizei anstelle rein militärischer Härte. In der Wirtschaftspolitik fordert er eine deutlich stärkere staatliche Kontrolle über die peruanischen Bodenschätze. Konkret plädiert er für eine „Verstaatlichung“ im Sinne einer höheren Besteuerung transnationaler Bergbaukonzerne – ein Vorhaben, das insbesondere bei der indigenen Bevölkerung in den Anden- und Amazonasregionen auf große Zustimmung stößt. Zudem fordert er die Ausarbeitung einer neuen Verfassung.
Das Duell zwischen Keiko Fujimori und Roberto Sánchez ist mehr als eine gewöhnliche Wahl – es ist eine Richtungsentscheidung zwischen zwei unversöhnlichen Lagern, die das Land tief spaltet.


